Da Christ die Krise: Keiner glaubt mehr!

Umkirch, 09. Februar 2004. Mit rund 150 Besuchern feierte die Evang. Kirchengemeinde Umkirch gestern ihren 14. XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene. Thema diesmal: "Da Christ die Krise: Keiner glaubt mehr!" Frei nach Antoine de Saint-Exupery galt auch hier das Motto: Man sieht nur mit dem Herzen gut - denn: nur die blinde Frau sieht Jesus!

Mit rockigen Klängen eröffnete die hervorragend eingespielte XXL-Band den XXL-GottesEXTRAdienst und gab mit dem Song "Liebe wird verboten" von Peter Maffay eine Steilvorlage mitten ins Geschehen. Doch nicht nur bei den schnellen Songs zeigte sich die Perfektion der begeisternden Musiker, sondern insbesondere auch bei den langsamen Stücken, insbesondere bei "Was glaubst Du?" (beeindruckend Maren Breisachers Sologesang) oder "Farben für die Nacht" (komponiert von Claudia Pflaum, gesungen im Duett mit Michael Utz). Die Band traf somit nicht nur die richtigen Töne, sondern auch den Nerv des Publikums.

Als Interviewpartner des Abends berichtete Andreas Kögel, Leiter der Sozialberatung für Wohnungslose der Heilsarmee Freiburg, im Gespräch mit Jan Völkel, von seinen Erfahrungen aus der Arbeit mit in Not geratenen Menschen. Das Grundanliegen der Heilsarmee, so Kögel, lasse sich mit dem Slogan "Suppe, Seife, Seelenheil" treffend beschreiben. Es sei ein Erfolg, wenn Menschen ohne Wohnung vom Sinn der Körperpflege überzeugt werden können, noch mehr aber, wenn sie dabei auch die Liebe Gottes erfahren würden. Kögel berichtete von ermutigenden Erfahrungen, die er in seiner 25-jährigen Arbeit mit Wohnungslosen gemacht habe. Sei es im Hauskreis oder bei Angeboten seiner Gemeinde, stets habe man das Gefühl, bei den Menschen etwas gutes bewirken zu können. Insofern sei für ihn seine Tätigkeit auch nach einem Vierteljahrhundert immer noch ausfüllend und sinnstiftend.

"Glauben und sehen" war hingegen das Motto der Theatergruppe, die (unter Leitung von Claudia Pflaum) gleich zwei kurze Anspiele auf die Bühne brachten. Zunächst unterhielten sich verschiedene ältere Menschen im Wartezimmer eines Augenarztes über die dort ausgestellte Skulptur "Jesus heilt die blinde Frau". Während die einen nicht mehr als einen Kleiderständer darin erkennen, versinnbildlicht das Kunstwerk für andere Gottes Liebe und Befreiung. Im zweiten Teil wurde die Begegnung Jesu mit der blinden Frau beeindruckend dargestellt; Jesus geht nicht zu den Reichen und Gesunden, sondern zu den Armen und Kranken.

Diesen Faden nahm auch Fritz Breisacher in seiner Ansprache auf. In diesem Zusammenhang traf er eine für die weiteren Ausführungen wichtige Unterscheidung zwischen "Religion" einerseits und "Glauben" andererseits. So sei "Religion" ein Werte- und Ordnungssystem, das sich jeder Mensch zurechtlege, "Glaube" dagegen eine Personalbeziehung des Einzelnen zu Gott. Predigt-O-Ton: "Religiös sind alle Menschen. Irgendwie religiös sind alle. "Gläubig sein" im Sinn von "religiös sein" trifft für so gut wie alle zu. Alle Menschen glauben – manche sogar an nichts. Selbst der Teufel ist kein Atheist. Niemals würde der Teufel, oder die gegengöttliche Kraft in dieser Welt, die Existenz Gottes leugnen. Der Spott, der sich über die Glaubenden ergießt, ist nämlich oft ein Spott gegen die Religiosität. Und vieles, was Leute Wichtiges zum Thema Glauben zu sagen haben, hat viel weniger mit Glauben als viel mehr mit Ethik und Moral und Religiosität zu tun. Wenn Sie mit Leuten z.B. über die Zehn Gebote reden, dann werden Sie feststellen, dass sie rein als sittliche Handlungsanweisungen verstanden werden, die man je nachdem auch anders interpretieren kann." Und weiter führte er aus: "Es geht in der Tat nicht darum, dass ich mir eine Sammlung von Idealen zulege, nach denen ich zu leben versuche. Es geht nicht um Moralität und auch nicht um rechtschaffene christlich-bürgerliche Existenz. Aber das ist alles RELIGION. Nicht Glaube. Rechtschaffen sind viele. Aber Glauben??? Den Leuten ist Religion manchmal lieber und näher als der Glaube. Die Menschen sind im Prinzip zufrieden zu stellen, wenn sie ein religiöses System haben, in dem sie sich einigermaßen zurechtzufinden, aus dem sie ihre Ordnungen und Maßstäbe entnehmen und ableiten können und das ihrem Leben ein Geländer bietet, an das sie sich im Notfall und Krisenfall anlehnen können."

In bezug auf "Glauben" unterschied er drei "Stufen" des Glaubens: Glauben sei "ein Für-Wahr-Halten" von Überzeugungen, sei eine Kraft, durch die sich die Welt zum Guten verändert und als höchste Stufe: die Gottesbegegnung. "Die Religiösen brauchen keinen Glauben. Sie haben ja ihr System, ihre Weltanschauung, ihre eigene Lebensordnung. Aber den nach Gottesbegegnung süchtigen und sehnsüchtigen Menschen begegnet Jesus mit der umwerfenden und verwandelnden Liebe Gottes. "Ich glaube an Gott, so wie ein Blinder an die Sonne glaubt, nicht weil er sie sieht, sondern weil er sie fühlt." (Zitat Phil Bosmans)"

Die Gottesdienstbesucher reagierten auf die Ausführungen im anschließenden Kreuzverhör, in dem genauer nach dem Unterschied zwischen Religion, Glaube und Unglaube gefragt wurde.

Raum und Zeit für Diskussionen bot im Anschluss das BistroCafé, in dem bei leckerer Kartoffel- und Linsensuppe zahlreiche Besucher zusammenkamen. Zu bestaunen waren dort auch unterschiedliche Masken, die 11 Kinder im Kinderprogramm (unter Leitung von Birgit Berthold, Maria Gibson, Sabine Lotze, Michael Thoma und Helferinnen) gebastelt und angemalt hatten.

Das XXL-Team diesmal:
Ansprache, Kreuzverhör: Fritz Breisacher
Band: Olaf Berthold (Schlagzeug), Maren Breisacher (Gesang), Andreas Gehrke (Gitarre), Holger Maier (Bass, Gesang), Claudia Pflaum (Gesang), Michael Utz (Gitarre, Keyboards, Gesang).
Begrüßung: Sabine Schulz, Ulrike Sutter
BistroCafé: Monika Braun, Katharina Braun, Brigitte Ebert, Barbara Gassenbauer, Astrid Laug
Fotos: Elke Läuger
Interview: Andreas Kögel, Heilsarmee Freiburg
Kinderbetreuung: Birgit Berthold, Maria Gibson, Sabine Lotze, Michael Thoma, Sabrina und Isabell Seiferling, Jessica Rieck
Moderation: Jan Völkel
Technik: Steffen Läuger, Marco Held, Anja Ochsenhirt
Theater: Claudia Pflaum, Carina Bölter, Dennis Häringer, Gabi Kraus-Lukat, Peter Mattheis, Hannah Schulz, Martin Ufheil


Zurück zur Übersicht