Leb Wohlstand!

Umkirch, 17. November 2003. Vor vollen Reihen feierte die Evang. Kirchengemeinde Umkirch gestern ihren 13. "XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene" zum Thema "Leb Wohlstand!". Rund 200 Zuschauer hatten sich einladen lassen, bei Musik, Talk und Theater über Geld, Glück und Geiz nachzudenken.

Diejenigen, die schon öfters bei einem XXL-GottesEXTRAdienst dabei waren, dürften am Anfang etwas gestaunt haben, denn entgegen herkömmlicher Gewohnheit eröffnete nicht die Band den Gottesdienst, sondern die Theatergruppe: Kommissar Schlichter und seine von ihm zutiefst verehrte vorgesetzte Hauptkommissarin Richter (Martin Ufheil und Claudia Pflaum) reden bei Currywurst und Bier über Familienplanung, als über Diensthandy die Mitteilung eingeht, ein Familiendrama habe sich ereignet. Richter und Schlichter machen sich sofort auf den Weg, ermitteln während des gesamten Gottesdienstes und kommen schließlich zu dem Schluss, dass Geld und Habgier als Motive für das schreckliche Familiendrama verantwortlich seien. Nicht genug, dass die eine Tochter die andere aus Streit um ein paar billig-schicke Hosen erwürgt hatte, dafür aber umgehend von ihrer eigenen Mutter mit einer Tupperschüssel erschlagen wurde, nicht genug, dass wenig später der Vater seine Frau wegen eines verloren geglaubten Lottoscheins erstoch und kurz darauf selber an einem Herzinfarkt zu Grunde ging, das Ganze bekam in dem Moment eine groteske Wendung, als der Sohn ins Zimmer trat und triumphierend den doch nicht verlorenen Lottoschein vorzeigte. Doch da ist alles zu spät, die ganze Familie bereits tot.

Das Verhältnis von Mensch und Geld zog sich auch durch alle Lieder der XXL-Band. "Wir sind nur die Randfigur in einem schlechten Spiel", behaupteten die Musikerinnen und Musiker um Schlagzeuger Olaf Berthold beispielsweise gleich im ersten Stück "Monopoly". Der Interviewgast des Abends, Dr. Albrecht Beck, Journalist und Leiter der Wirtschaftsredaktion der Badischen Zeitung, gab daraufhin im Gespräch mit Moderator Jan Völkel interessante Einblicke über die derzeitige Wirtschaftslage in Deutschland. Seines Erachtens befände sich Deutschland derzeit in der schwersten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg; es sei zwar nicht die tiefste, aber doch die längste Krise. Er erklärte, wieso seitens der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Lager verschiedene Lösungskonzepte verfochten werden und gab einige Expertentipps zum Thema "Altersvorsorge" – alles selbstverständlich unter dem Vorzeichen, dass es Pauschallösungen hierbei bekanntlich nicht gibt und somit sich jeder am besten individuell beraten lasse.

Pfarrer Fritz Breisacher legte in seiner Ansprache den Schwerpunkt auf etwas ganz anderes: Sobald man anfängt, Wohlstand in Euro oder einer anderen Währung zu definieren, befinde man sich auf einem Holzweg, weil es einem dann immer argumentativ gelänge, den Wohlstand an denen zu definieren, die ungleich mehr haben als man selber. Auf diese Weise sei man selber ganz geschickt außen vor und fein raus und müsse sich über den eigenen Stand, den eigenen Wohlstand, keine Gedanken machen. Dennoch bot Breisacher an, sich mit ein paar ganz unterschiedlichen Definition von Wohlstand auseinanderzusetzen:

1. Wohlstand ist die Summe des Überflüssigen, ohne das man nicht mehr auskommen kann.

2. Wohlstand ist, wenn die Leute mehr Uhren haben als Zeit.

3. Wohlstand ist das Durchgangsstadium von der Armut zur Unzufriedenheit.

4. Wohlstand minus Anstand gleich neureich.

Und 5. Ob wir es gut haben, liegt nicht am Guthaben.

Im Folgenden führte er aus: Am Umgang mit Geld und Gütern zeige sich der Charakter eines Menschen. Arm sei nicht der, der wenig hat, sondern der, der nie genug bekommen kann.

Und die entscheidende Frage sei: Was besetzt mich! Diese Frage könne jeder nur für sich selber beantworten. Und jeder sollte sie beantworten. "Was besetzt Sie? Was beschäftigt Sie? Worum kreisen Ihre Gedanken, worüber machen Sie sich Sorgen? – Es ist nichts falsch daran, dass Menschen Reichtümer besitzen - falsch wird es, wenn Reichtümer Menschen besitzen."

"Entscheidend ist nicht, wie ich Wohlstand definiere. Sondern wie ich mich definiere. Worin habe ich meinen Wert und meine Orientierung? An dem, was ich bin und habe, was ich leisten kann und hinkriege? Definiere ich mich - ausgehend von meinen Habenseiten? Oder von meinen gewünschten Habenseiten? Dann wird die Tupperparty zum Lebensinhalt und der Lottoschein zum wichtigsten Stück Papier am Wochenende. Dann bin und bleibe ich eine Spielfigur im Lebensmonopoly, in dem es um Money, money, money ... um die Sonne des reichen Mannes geht.

Nicht Wohlstand definieren! Nicht ans Material glauben! Sondern fragen, wie Sie sich selber definieren! Würden Sie sich als Abhängigen von Gott definieren? Und würden Sie diese Abhängigkeit von Gott als Glück bezeichnen?", so Breisacher am Schluss seiner Predigt.

Im anschließenden Kreuzverhör kamen die Gottesdienstbesucher noch einmal auf die wesentlichen Punkte des Abends zu sprechen.

Nach dem schon fast traditionellen Schluss- und Segenslied "Thy word" trafen sich die Besucher im BistroCafé, um bei "Arme-Leute-Essen" wie Linsen und Pellkartoffeln über die Aussagen dieses XXL-GottesEXTRAdienstes zu diskutieren. Zugleich präsentierten rund 20 Kinder die Bilder, die sie im parallelen Kinderprogramm (gestaltet von Barbara Gassenbauer, Maria Gibson und Helfern) mit Naturmaterialien gebastelt und gestaltet hatten.


Zurück zur Übersicht