Sau nah!

Umkirch, 18.07.2005. Die Evang. Kirchengemeinde Umkirch feierte gestern Abend ihren 19. XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene unter strahlend blauen Himmel auf dem Umkircher Gutshof. Vom sonnigen Wetter hatten sich rund 200 Besucher einladen lassen, den Gedanken und Aussagen zum Thema "Sau nah" zu folgen - ein Thema, das sich als ausgesprochen vielseitig und streckenweise fast intim entpuppte.

Diese Intimität kam an verschiedenen Stellen zur Geltung. Beispielsweise hatte Autorin und Regisseurin Claudia Pflaum ihr Theaterstück diesmal an der Person einer Schwangeren entwickelt, die voller Vorfreude auf ihren von einer Geschäftsreise zurückkehrenden Mann wartet, von diesem aber wegen ihrer "hefekloßartigen Figur auf Elefantenbeinen" schroff abgewiesen wird. Derart verzweifelt, begibt sie sich in eine Kneipe, wo sie nach reichlichen Missverständnissen eine Tochter zur Welt bringt, und ihr bislang völlig fremde Menschen zu Geburtshelfern und möglicherweise gar Freunden werden.

Damit erwies sich das Theaterstück als konsequenter Weiterführung des Interviews, das Moderator Jan Völkel zuvor mit Renate Weihe-Scheidt, Psychologin mit Fachrichtung Paar- und Familientherapie aus Freiburg, geführt hatte. In dem Gespräch erzählte Frau Weihe-Scheidt von ihrer Arbeit mit Paaren, die von alleine keine Lösung mehr für ihre Probleme sehen. Oft reiche es nicht aus, so die Therapeutin, sich im Fernsehen oder Zeitschriften entsprechende Partnerschaftstipps zu holen, sondern manchmal sei professionelle Hilfe unerlässlich. Sei es das Problem der Ehrlichkeit oder das Problem der gegenseitigen Kontrolle - stets müsse man als Partner versuchen, neu auf den Menschen gegenüber einzugehen und sich zu fragen, was er oder sie wolle.

Den "verlorenen Sohn" machte Michael Utz zum Aufhänger für seine Ansprache und versuchte dabei, das altbekannte Gleichnis unter etwas anderer Perspektive zu betrachten: als Geschichte eines notwendigen Aufbruchs, als Geschichte vom Gehen-müssen und Gehen-dürfen, als Loslass-Geschichte, als Geschichte einer wunderbaren Verwandlung, die sich im Innersten eines Menschen vollziehen kann. Der Junge Mann muss sich auf den Weg machen - und der Vater lässt ihn gehen. Hier spiegelt sich wider, was sich in unserer menschlichen Erfahrung, insbesondere in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern abspielt: Die Notwendigkeit des Loslassens (von beiden Seiten!) um der wachsenden Eigenständigkeit willen. Die Nähe wird - scheinbar aufgebrochen (Auf-bruch ins eigene Leben!) - bleibt aber als Ur-Vertrauen tief im Menschen verborgen. Wie die Liebe der Eltern das Kind in die Welt hinausziehen lässt, schenkt Gottes Liebe uns die Freiheit und sein Erbarmen uns die Möglichkeit der Rückkehr. Eine Freiheit, die durchaus das Scheitern einkalkuliert und zulässt. Ein Erbarmen, das alles Scheitern umfasst und heilt. "Mein Sohn war tot und lebt wieder". Es gibt kein stärkeres Bild, für das, was Gottes Erbarmen mit uns anstellt: es verwandelt uns zu neuen Menschen. Dabei muss es nicht immer der "Schweinepfuhl" sein, das große persönliche Drama - es gibt auch die kleinen, alltäglichen Sackgassen: Ich möchte irgendeine Entscheidung unbedingt durchboxen, ich möchte mit dem Kopf durch die Wand, ich möchte etwas mit aller Gewalt erreichen…

Die Umkehr aus einer solchen Sackgasse geht einher mit der Aufgabe eigener Vorstellungen, dem Sterben des eigenen Egos, mit einem vermeintlichen Scheitern. Aber sie ermöglicht eine Begegnung der "ganz anderen Art": mit einem verwandelten Selbst als Geschenk von Gott, der uns "sau nah" sein will.

Nähe und Distanz kam auch in den verschiedenen Songs der wieder einmal hervorragend aufspielenden XXL-Band zum Ausdruck. Sei es das berühmte "Unbreak my heart" von Tony Braxton, das melodische "Motherland" von Natalie Merchant, das von Claudia Pflaum selbstkomponierte "Sau nah" oder Stevie Wonders "Have a talk with God", stets schwangen Sehnsucht nach Nähe zwischen den Textzeilen mit. Das Schlusslied erwies sich dann jedoch als der heimliche Höhepunkt des Gottesdienstes, als die RainbowSingers unter Leitung von Torsten Schwarz und mit Bandbegleitung den Klassiker "I will follow him" aus dem Kinohit "Sister Act" schwungvoll zum Besten gaben und damit nicht nur die Zuschauer zum Mitklatschen animierten, sondern gar auf vielfachen Wunsch als Zugabe direkt im Anschluss wiederholten.

Der XXL-GottesEXTRAdienst stellte den thematischen Schlusspunkt des diesjährigen Festivalwochenendes "Der Gutshof bebt" dar, das in enger Kooperation von Umkircher Angelverein, Musikverein und Evang. Kirchengemeinde nun schon zum dritten Mal durchgeführt wurde. Den nächsten XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene feiern wir am 4. Dezember 2005 um 17 Uhr im Ev


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