Vom Himmel gefallen - über Engel und Teufel

Umkirch, 16. März 2009. Mit rund 150 Besuchern feierte die Evang. Kirchengemeinde Umkirch gestern ihren 30. XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene. "Vom Himmel gefallen – über Engel und Teufel" lautete das diesmalige Motto, und schnell wurde klar, wie nahegehend und berührend dieses Thema ist.

Gleich zu Beginn wies Jan Völkel auf die besondere "Tiefe" dieses Gottesdienstes hin. Man habe, so der Moderator in seiner Begrüßung, eigentlich einen reinen "Wissensgottesdienst" in den Planungen vorgesehen, in dem systematisch biblische Aussagen zu Engeln und Teufeln untersucht werden sollen. Doch seit dem Amoklauf von Winnenden sei jedem der XXL-Mitarbeiter klar geworden: Dieses Thema lässt sich nicht kühl-distanziert betrachten. Wie auch immer Engel und Teufel aussehen mögen, welche Rollen auch immer ihnen in der Bibel zugeschrieben werden – zu einem guten Teil kommt es auch auf ihre Wirkung an, also auf die Frage, welchen Einfluss sie auf unser alltägliches Leben hätten.

Die Frage der Wirkung griff der Interviewgast des Abends, Dr. Walter von Lucadou, Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg (http://www.parapsychologische-beratungsstelle.de) bei seinen Ausführungen über parapsychologische Erlebnisse auf. "Geister seien auch nur Menschen", sagte er schmunzelnd mit Hinblick auf ein von ihm geschriebenes Beratungsbuch, und deutete damit an, dass sich zwar übersinnliche Phänomene in der Psyche eines Menschen abspielten. Aber, und das seien relativ neue Erkenntnisse, Psyche könne auch "außerhalb des Körpers" liegen, beispielsweise in der eigenen Wohnung, die zum "erweiterten Körper" zu zählen sei. Mit einer Mitarbeiterin versuche er, insbesondere Jugendlichen, zunehmend aber auch Erwachsenen Beratung bei okkulten Begegnungen und übersinnlichen Erfahrungen zukommen zu lassen. Dies erweise sich als zunehmend schwierig, da der Bedarf stiege, die finanziellen Mittel aber stagnierten oder sogar zurückgingen.

Ebenfalls eine "Begegnung der besonderen Art" inszenierte die XXL-Theatergruppe. Drei Diktatoren der Weltgeschichte, nämlich Adolf Hitler, Joseph Stalin und Saddam Hussein treffen sich in der Hölle beim Kartoffelschälen. Wie sie da so sitzen, kommt Kim Jong-Il als neuer Bewohner herein – ziemlich widerspenstig, denn eigentlich, so seine Aussage, seien im doch ganz andere Dinge versprochen worden, täglicher Champagner etwa, und nicht niedere Tätigkeiten in einem verschwefelten Küchenraum. Als eine Besucherin vorbeikommt, die sich über "Wohnen im Alter" informieren möchte und deswegen eine "unverbindliche Führung" durch die Hölle gebucht hat, wendet sich Kim an diese mit der Bitte, sie hier rauszuholen und in den Himmel zu bringen. Die Frau hat einen guten Tipp: Mittels eines Gewinnspiels, bei dem ein bekannter biblischer Satz zu ergänzen sei, könne man ins "Wiederaufnahmeverfahren" gelangen. Der Satz laute: "Du sollst Deinen nächsten…" – Kim Jong-Il überlegt hin und her, doch er kommt nicht auf die Lösung. Und auch seine drei Diktatorenkollegen können ihm nichts weiter anbieten als hilfloses Achselzucken.

Wie es also ist mit Engeln und mit Teufeln, darauf ging Pfarrer Fritz Breisacher in seiner packenden Ansprache ein. Verschiedene Aussagen der Bibel kombinierte er mit Bildern und Darstellungen von Engeln und Teufeln aus verschiedenen Jahrhunderten, angefangen bei Michelangelos "Jüngstem Gericht" bis hin zu Bildern von den Trauerfeiern aus Winnenden. Intellekt und Emotionen kamen so gleichermaßen auf ihre Kosten.

O-Ton: Die Bibel sagt, dass ein Mensch, der sich darauf einlässt, das Böse zu tun, sich auf eine Macht einlässt, die ihn unterwirft, in Besitz nimmt und beherrscht. Und das diabolische Ziel dieser bösen Macht ist es, dass der Mensch nicht mehr unterscheiden können soll zwischen sich und der Sünde:

1. Entweder sieht sich der Mensch als eigentlich ganz und gar in Ordnung - die paar wenigen Fehltritte, die er sich zuschulden kommen lässt, sind lästige Kollateralschäden, die sich halt nicht vermeiden lassen und je länger er lebt, desto mehr halt vorkommen. Insofern ist der Mensch gar nicht erlösungsbedürftig. Er braucht keinen Gott, keine Vergebung. Er ist ja eigentlich ganz in Ordnung - und das umso mehr, je kritischer er seinen Mitmenschen unter die Lupe nimmt. Denn der andere ist immer schlechter als man selber.

2. Oder der Mensch sieht sich als ein ganz und gar Verlorener, der nichts Gescheites zustande bringt und dessen Lebensrecht er selber verwirkt hat. Er ist so schlecht, dass er gar nicht mehr erlösungsfähig ist. So denkt der Mensch: er sei weder erlösungsbedürftig noch erlösungsfähig. Das ist die wichtige Feststellung der Bibel über die Wirkung der Macht des Bösen. Und für mich und mein eigenes Nachdenken ist es spannend, dass ich für diese Wirkung der Macht des Bösen die Begriffe “Teufel”, “Satan”, “Dämonen” oder ähnliches gar nicht zwingend brauche. Ich weiß um die Wirkungsweise des Bösen, das ist ausreichend.

Dass die Beschäftigung mit dem Bösen gelegentlich eine Eigendynamik entwickelt, will ich nur am Rand andeuten. Je mehr ein Mensch versucht, dem Bösen in seinem Leben Widerstand zu leisten, desto tobender erlebt er unter Umständen diesen Abwehrkampf. Manch eine religiöse Macke oder Belastung könnte daher kommen. So einem Menschen muss seelsorgerlich wie therapeutisch geholfen werden, nämlich einen Blickwechsel, einen inneren Ortswechsel zu vollziehen und nicht wie ein Kaninchen die Schlange anzustarren.

Und das Dritte, was die Bibel über das Böse schildert, ist seine Verstellungskunst und seine Verschleierungstaktik und seine aktive Verführungskraft. Das Böse verspricht dem Menschen Glück und Erfüllung und gewährt oft genug auch Anzahlungen derselben, um ihn dann hinterrücks aufs Kreuz zu legen. Wir könnten wahrscheinlich viele Geschichten erzählen, wie Menschen diesem Mechanismus erlegen sind.

Im Blick auf "Engel" führte er aus, dass die Fragestellung "Gibt es Engel?" gar nicht sachgemäß sei, sondern eher aufmerksam zu entdecken sei, dass sich Dinge ereignen, dass Dinge geschehen, dass Menschen Begegnungen widerfahren, in denen ihnen Gott auf spürbare Weise nahe komme, so dass sie seine drohende oder rettende Gegenwart ahnen und es zum Greifen sei. Der Bote, durch den das geschieht, könne im Traum begegnen, oder in einem Bild, einem Musikstück oder in einem Menschen aus Fleisch und Blut, der unter Umständen davon selbst nichts weiß oder ahnt, oder durch etwas, was der Mensch überhaupt nicht in seinen Lebens- und Erfahrungshorizont einordnen kann. Entscheidend sei dabei nicht das WIE. Sondern sein Auftrag. Durch seinen Auftrag und solange er ihn erfüllt, würde der Bote zum Engel und so zum Symbol, das auf Gott verweist.

Die "inhaltlichen Elemente" wurden umrahmt von thematisch passenden Songs der Band und des Chors. Insbesondere die Chorsängerinnen unter Leitung von Jochen Stuppi beeindruckten mit ihren Interpretationen von "To ev’rything there is a season" und "Good and Evil" aus dem Musical "Jekyll & Hyde" – für viele Besucher ein echtes Gänsehauterlebnis. So fanden im abschließenden BistroCafé (organisiert von Katharina Alberts und Elke Gerriets) angeregte, fröhliche und nachdenkliche Gespräche statt – und schon jetzt steigt die Vorfreude auf den nächsten XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene, der am 26. Juli um 18 Uhr zum Thema "Schachmatt" stattfinden wird.


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