Was kann ich schon bewirken?

Umkirch, 19. Juli 2004.Vor rund 600 Besuchern feierte die Evang. Kirchengemeinde Umkirch gestern ihren 16. XXL-GottesEXTRAdienst für Ausgeschlafene unter freiem Himmel auf dem Umkircher Gutshof. Das Motto "Was kann ich schon bewirken?" entpuppte sich dabei als diffiziles Thema, dem mit altbekannten Platitüden kaum beizukommen ist.

Die zentrale und wohl eindrücklichste Szene des ganzen Gottesdienstes war ein simpler Schlag auf den Tisch. Sechs Personen unterschiedlichster Art sitzen am Biertisch und lauschen den Klängen der Blaskapelle. Bier und Schweiß fließen in Strömen. Niemand nimmt Notiz von der Frau, die von zwei aufdringlichen Männern bedrängt und belästigt wird. Bis dann eine Frau, bis dahin eher unscheinbar und teilnahmslos, auf den Tisch haut und ein "Nein!" laut aus sich herausschreit.

Die Szene bricht ab, alle erstarren, und in eingespielten Sequenzen werden Gedanken zum Theaterstück laut: "Auf Dich kommt es an! Dein Mut kann klein portioniert sein, vielleicht fehlen Dir die Worte, vielleicht bist Du unscheinbar und wirst leicht übersehen, vielleicht kostet es Dich viel Überwindung, aber: Du stehst auf! Du haust auf den Tisch! Und Du bewirkst mehr als Du ahnst!"

Damit hatte die Theaterszene das Für und Wider der ganzen Problematik "Was kann ich schon bewirken?" begreiflich gemacht. Es gibt natürlich keine Erfolgsgarantie - aber es kommt darauf an, dass man sich überhaupt einmischt. Oder, wie Pfarrer Fritz Breisacher es in seiner Ansprache sarkastisch formulierte: "Stell' Dir vor: Du siehst, wie ein Ausländer von Skinheads zusammengeschlagen wird, und du hast keine Kerze dabei, keinen Button, keinen Aufkleber, nirgends liegt eine Protestliste auf, in die Du dich eintragen kannst - ein scheußliches Gefühl, nicht wahr? Man fühlt sich da so richtig hilflos ... "

In seinen weiteren Ausführungen bezog sich Breisacher auf ein Lied "Bin kein Genie" des Kasseler E-fun-gelisten und Aktionskünstlers Arno Backhaus, das die in hervorragender Spiellaune und klanglich perfekt agierende XXL-Band kurz vorher gespielt hatte: "Ich bin nur einer von Millionen im Telefonbuch, aber ich bin Kind des Schöpfers dieser Welt." Es komme, formulierte der Gemeindepfarrer darauf aufbauend, wie so oft auf die Perspektive an: Begreife ich mir nur als einer von Millionen? Dann kann ich vermutlich wirklich nichts bewirken? Oder verstehe ich mich als Kind des Schöpfers? Dann kann ich sehr viel bewirken, denn "ein einziger mutiger Mensch stellt schon die Mehrheit dar, wenn er Gott auf seiner Seite hat."

Diese absolute Gottesgewissheit brachten auch die RainbowSingers zum Ausdruck. Mit dem schwungvollen "I say a little prayer" als auch dem getragenen "We will bless him" zeigte der von Torsten Schwarz geleitete Gospelchor nicht nur die gesamte Bandbreite seines Könnens, sondern ließ erahnen, welche Freude tief empfundener Glaube auslösen kann. Restlos begeisterten die RainbowSingers ganz am Ende, als sie - gemeinsam mit der Band - den Westernhagen-Klassiker "Steh auf!" als Schlussstück zu Gehör brachten.

Nach dem Gottesdienst fand ein Informationsstand der "Aktion Völkerrecht" reges Interesse der Gottesdienstbesucher. Vier Schüler aus Heidelberg hatten sich auf den Weg gemacht, um als "Gesprächspartner des Abends" im XXL-GottesEXTRAdienst von ihrer außergewöhnlichen Aktion zu berichten. Im Frühjahr vergangenen Jahres hatten sich Schülerinnen und Schüler von insgesamt neun Heidelberger Schulen zusammengefunden, um mit einer zugleich pfiffigen wie eindrücklichen Idee gegen den drohenden Irakkrieg zu demonstrieren. Aus Tausenden von kleinen Holzklötzchen bauten sie einen "Schutzwall für das Völkerrecht" - und sorgten damit inzwischen für weltweites Aufsehen. Neben einer Auszeichnung der Stadt Heidelberg und des Landes Nordrhein-Westfalen für herausragendes Engament wurden sie zuletzt von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen mit der Dag-Hammarskjöld-Ehrenmedaille 2004 ausgezeichnet.

Sie erzählten den staunenden Gottesdienstbesuchern von ihrer Aktion, und ließen dabei sehr schnell deutlich werden, dass es sich wirklich lohnt, für eine Sache nachdrücklich einzustehen. Auch in Umkirch baten sie um Unterschriften für ihren offenen Brief an die Botschafter bei den Vereinten Nationen sowie um die Mitgestaltung des Schutzwalls; rund 150 Holzklötzchen konnten sie neu mit nach Heidelberg nehmen. Im nächsten Jahr wird der gesamte Schutzwall - also inklusive der Umkircher Teile - in New York vor der UNO aufgebaut und somit zu einer eindrücklichen Demonstration für die Einhaltung völkerrechtlicher Prinzipien werden.

Nach dem Gottesdienst freuten sich sowohl die Mitwirkenden als auch die Besucher nicht nur darüber, dass das Wetter trotz bedrohlicher Wolken "gehalten" hatte, sondern auch, dass der Umkircher Angelverein in den Lauben des altehrwürdigen Gutshof mit Speisen und Getränken anlässlich des diesjährigen Anglerhocks aufwartete. So war die gute Gelegenheit gegeben, gemütlich im historischen Ambiente den Abend miteinander zu verbringen.


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